Von Margrith Pfister-Kübler
Dieser Artikel erschien im Thurgauer Tagblatt am 22. Januar 2004.

Die folgenreichste Veränderung erfuhr die pensionierte Handarbeits- und Hauswirtschaftslehrerin Ria Keel mit ihrer Transparent-Patchwork Kunst. Sie spielt mit der Dynamik zwischen Stoff und Idee und lockt die Wahrnehmung aus der Alltagsroutine.

STECKBORN

An den Wänden in der Eingangshalle der Bernina AG und im Show-Room hängen grossformatige Werke von Ria Keel aus Rebstein, die mit der Kraft der Farben, der Inszenierung und textiler Ausstrahlung überwältigen. Als Transparent-Patchwork bezeichnet sie die Arbeitstechnik. Das Wort Transparent-Patchwork ist ihre eigene Wortschöpfung. In keinem Nachschlagewerk ist dieses neue Wort, dieses Wortspiel, aufzuspüren.

Aufmerksam auf diese Künstlerin wurde die Verkaufsleiterin Fernost der Nähmaschinenfabrik Bernina AG, Frau Küenzli, als sie mit internationalen Gästen das Textilmuseum St. Gallen besuchte. Auch an Ausstellungen im Ausland, so auch in Dänemark, fand die wegen ihres Talents gelobte Künstlerin grosse Beachtung. Mit der transparent Patchwork Technik beschäftigt sich die 68 jährige erst, seit sie vom Schuldienst pensioniert ist.

Früher hat sie auch schon richtige Quilts gemacht. Aber «für geometrische Muster habe ich keine Nerven», gesteht sie. Doch wer die gewaltigen Textilbilder von ihr betrachtet und dieses «keine Nerven» auf diese überträgt, erkennt blitzschnell, dass die systematisch mit kleinsten Textilfleckchen zusammengesetzte gesamte Fläche eine Eselsgeduld erfordert, bis jedes Fetzchen mit minutiöser Technik in Zick-Zack-Stichen eingefasst ist. Es ist eine Sisyphusarbeit.

Vorbilder für ihre Bildkompositionen findet Ria Keel in der Natur. «Ich möchte mit meinen Werken Freude wecken an der Schöpfung.» Der subtile Umgang mit Farben und Licht über die winzigen Textilteilchen, die manchmal gerade exakt über einen Millimeter Berührungsfläche miteinander, verbunden sind, machen die Werke zu einem Kraftakt an Ausdruckskraft. Ria Keel: «Ein Jahr Arbeit steckt schon in einem Werk. Dabei arbeite ich täglich rund sieben Stunden.» Das erklärt auch den Verkaufspreis, der bei rund 10'000 Franken liegt. Die Entwürfe zeichnet Ria Keel mit Farbstiften. Durch den Einsatz von Voile-Stoffen entstehen Schattenbilder. In der Alltagswelt kann solch ein Werk auch als Raumteiler eine Inneneinrichtung bestimmen.

Zusammen mit ihrem Mann, der als modern malender Künstler und Scherenschnittkünstler arbeitet, nutzt sie jede Gelegenheit, um Kunstausstellungen in Museen und Galerien zu besuchen. Bei der Sammlung von Textilien kommt es ihr gelegen, dass in ihrem Lebensraum die Textil- und Stickerei Industrie Tradition hat. Diese kennen die Magie der Stoffe und verstehen die Bedeutung des textilen Materials. Dazu kommt, dass Ria Keel sich mit der Geschichte der Frauen befasst, besonders mit Blick auf die St.Galler und die Rheintaler Stickerei-Industrie. Und bei allem geht es ihr auch um das Gleichgewicht zwischen der Kunst, dem Leben und dem Gebrauchsgegenstand Textiles. Ria Keel erzählt vom Schönen, von den Höhepunkten der Inszenierung ihrer textilen Werke, angefangen vom A4-Blatt bis zum textilen Gemälde in Ausmassen von 2,15 auf 2 Meter oder 1,30 auf 1,90 Meter. Dabei gelingt es ihr, die Faszination der Perspektive in die textilen Bilder zu bringen und dadurch die Variationsbreite nachvollziehbar zu machen.

 
Die Kunstwerke sind noch bis Ende März zu besichtigen.
 
Öffnungszeiten sind 8 bis 12 und 13:30 bis 16:30 Uhr. Der Eintritt ist Gratis.



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